Drei Jahre nach dem 7. Oktober 2023 ist Gaza verwüstet. Auch nach der Waffenruhe töten israelische Militäroperationen weiter Menschen; im Westjordanland geht die Enteignung weiter. Verantwortlich sind Israel und seine westlichen Unterstützer, allen voran die USA und Deutschland. Die Ermordung israelischer Zivilist:innen und die Geiselnahmen durch Hamas und andere Gruppen vor drei Jahren rechtfertigen weder die Zerstörung Gazas noch die Bestrafung eines Volkes. Doch welche Strategie kann die koloniale Herrschaft überwinden? Hamas durchbrach am 7. Oktober die Grenzanlagen und den Versuch, Gaza politisch vergessen zu machen. Aber ein taktischer Durchbruch war keine Befreiungsstrategie. Ein militärischer Apparat entschied anstelle der Bevölkerung; die Angriffe auf Zivilist:innen stärkten jene Angst, durch die der Zionismus die israelisch-jüdische Gesellschaft an den Staat bindet. Auch wenn Hamas & Co am 7. Oktober das israelische Regime überrumpelten - langfristig spielten sie mit der Attacke den extremsten und genozidalsten Kräften in Israel in die Hände, die nur auf eine solche Gelegenheit warteten. Das bedeutet nicht, dass bewaffneter Kampf prinzipiell abzulehnen wäre - die Grenze verläuft nicht einfach zwischen Gewalt und Gewaltfreiheit: Israel ließ oft genug auch auf unbewaffnete Demonstrant:innen schießen. Entscheidend ist, ob eine Kampfform die Selbsttätigkeit der Unterdrückten erweitert – oder eine Minderheit für sie handelt. Das ist die wichtigste Lehre aus der Geschichte der palästinensischen Linken.
Die Lehren der palästinensischen Linken
Nach der Niederlage der arabischen Staaten 1967 löste Fatah den palästinensischen Kampf aus der Bevormundung durch die Regierungen der Region. PFLP und DFLP verbanden nationale Befreiung in ihrem Programm mit sozialistischer Revolution. Doch auch sie übernahmen das Modell einer Guerilla, die im Namen der Massen kämpft. Ihre Verbände blieben auf Stützpunkte in Jordanien und später im Libanon angewiesen. Sie schufen soziale Einrichtungen, aber keine demokratischen Organe, durch die Flüchtlinge und Arbeiter:innen selbst über den Kampf entschieden. Nach der Vertreibung aus Jordanien entwickelte sich die PLO im Libanon zum Staat im Exil: mit Apparat und Diplomatie, aber ohne Territorium. PFLP und DFLP kritisierten Fatah, blieben jedoch ihre loyale Opposition. Die Guerillastrategie verkannte zudem die Struktur Israels. Die israelisch-jüdische Bevölkerung ist keine ausländische Armee, die in ein Mutterland zurückkehren könnte. Aus der zionistischen Kolonisation entstand eine Gesellschaft mit eigener Sprache, Wirtschaft und einer im Land geborenen Mehrheit. Angriffe auf Zivilist:innen festigten ihre Bindung an den Staat. Eine Befreiungsstrategie muss daher den zionistischen Staat bekämpfen und zugleich eine Zukunft anbieten, in der auch israelische Jüdinnen und Juden ohne Vertreibung und Entrechtung leben können. Die Erste Intifada ab 1987 zeigte eine andere Form des Widerstands. In Stadtteilen, Dörfern und Flüchtlingslagern entstanden Volkskomitees. Sie organisierten Streiks, Boykotte, Unterricht, medizinische Versorgung und Lebensmittel. Gewerkschaften, Frauenorganisationen und Jugendgruppen trugen den Aufstand. Statt einer bewaffneten Minderheit trat die Bevölkerung selbst als politische Kraft auf. Die Komitees waren noch keine entwickelten Gegenorgane, enthielten aber die Möglichkeit einer demokratischen Macht von unten. Die PLO-Führung behandelte diese Selbstorganisation als Druckmittel für Verhandlungen und unterzeichnete schließlich die Oslo-Abkommen. Die Autonomiebehörde durfte zerstückelte Gebiete verwalten, während Israel Grenzen, Siedlungen und Bewegungsfreiheit kontrollierte. PFLP und DFLP lehnten Oslo ab, bauten aber keine unabhängige Alternative auf. Hamas füllte das Vakuum durch soziale Verankerung, den Ruf geringerer Korruption und ihre Ablehnung der katastrophalen Ordnung nach Oslo. Doch auch sie ersetzte die Selbsttätigkeit der Bevölkerung durch einen Militärapparat und später eine autoritäre Regierung in Gaza.
Rückkehrmarsch und Würdestreik
Der Große Rückkehrmarsch ab März 2018 bewies, dass Gaza nicht auf die Wahl zwischen Hamas-Herrschaft und Blockade beschränkt war. Die Initiative kam von Flüchtlingen und Aktivist:innen. In Protestlagern an der Grenze kamen Familien, Jugendliche, Frauen und politische Gruppen zusammen. Woche für Woche verbanden sie die Forderung nach der Aufhebung der Blockade mit der Rückkehr der 1948 Vertriebenen. Gaza erschien nicht länger bloß als Katastrophengebiet, sondern als eine Gesellschaft handelnder politischer Subjekte. Die israelische Armee antwortete mit Scharfschützen. Allein 2018 tötete sie laut UN-Untersuchung 183 Demonstrant:innen und verletzte mehr als 6.000 durch Schüsse. Das widerlegt die Vorstellung, die Palästinenser:innen müssten nur friedlich genug protestieren. Die Stärke des Marsches lag darin, dass die Betroffenen selbst handelten. Seine Grenze war die Isolation Gazas: Ohne Streiks im Westjordanland, innerhalb Israels und in den Nachbarstaaten konnte die Armee die Proteste am Grenzzaun einschließen und niederschlagen. Im Mai 2021 wurde diese Zersplitterung für einen Moment überwunden. Der Widerstand gegen Vertreibungen in Sheikh Jarrah und Polizeigewalt in Jerusalem erfasste auch palästinensische Städte innerhalb Israels. Am 18. Mai folgte der Würdestreik: Geschäfte blieben geschlossen, Beschäftigte der Arbeit fern, Baustellen und Teile des Verkehrs standen still. Palästinenser:innen in Gaza, im Westjordanland, in Jerusalem und innerhalb Israels handelten über die Grenzen hinweg, durch die Besatzung und Oslo sie getrennt hatten. Der Streik schuf mehr reale nationale Einheit als jahrelange Abkommen zwischen Fatah und Hamas und zeigte die Macht palästinensischer Arbeiter:innen. Doch auch er brachte keine dauerhaften gewählten Komitees und keine unabhängige Führung hervor. Nach seinem Abflauen dominierten wieder Raketen und Luftangriffe die politische Bühne.
Eine Strategie für Selbstbefreiung
Auch heute braucht es gewählte Komitees in Stadtteilen, Lagern, Betrieben und Bildungseinrichtungen, unabhängige Gewerkschaften, Frauen- und Jugendorganisationen sowie abwählbare Vertreter:innen. Eine revolutionäre Organisation muss in solchen Organen für ein gemeinsames Programm kämpfen, kann die Massen aber nicht ersetzen. Auch bewaffnete Selbstverteidigung muss demokratischer Kontrolle unterstehen und Angriffe auf Zivilist:innen ausschließen. Diese Bewegung muss unabhängig von Fatah, Hamas, den arabischen Regimen und Großmächten handeln. Ihre Verbündeten sind die Massen der Region: Eine revolutionäre Bewegung in Ägypten könnte die Blockade brechen; Arbeiter:innen könnten Häfen und Rüstungsbetriebe lahmlegen. Zugleich braucht es eine Antwort für alle Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan. Zionistische Staats-, Eigentums- und Siedlungsprivilegien müssen fallen, ohne die nationale Unterdrückung umzukehren. Rückkehrrecht, Entschädigung und gleiche individuelle wie kollektive Rechte für Palästinenser:innen und israelische Jüdinnen und Juden gehören zusammen. Gesellschaftliches Eigentum kann ermöglichen, dass Rückkehr nicht durch neue Vertreibung verwirklicht wird. Ziel ist eine sozialistische Föderation Palästinas und der Region. Auch die internationale Solidaritätsbewegung darf nicht bei Appellen stehen bleiben. Nötig sind Waffenembargos, Boykotts und Desinvestitionen, um das Ende von Blockade und Besatzung zu erreichen sowie einen Wiederaufbau unter Kontrolle der Bevölkerung zu ermöglichen. Konkrete Erfolge zeigen ihre Macht: 2021 weigerten sich Hafenarbeiter:innen in Durban, ein ZIM-Schiff zu entladen. In Piräus blockierten Kolleg:innen 2024 die Verladung von 21 Tonnen Munition; 2025 lief ein Schiff aus Fos-sur-Mer ohne Bauteile für Maschinengewehre aus. Nach einem Protestcamp leitete das Trinity College Dublin seine Desinvestition aus israelischen Unternehmen ein. Solche Aktionen greifen Waffenlieferungen und Kapitalbeziehungen praktisch an. Palästina wird weder durch bessere Verwalter:innen der Autonomiebehörde noch durch einen schlagkräftigeren militärischen Apparat befreit. Befreiung kann nur das Werk einer demokratisch organisierten Massenbewegung sein, die die koloniale Ordnung unregierbar macht und allen dort lebenden Menschen eine Zukunft ohne Vertreibung und Vorherrschaft eröffnet.