Mit dem neuen Kopftuchverbot sollen Lehrer:innen ab Herbst nicht nur unterrichten, sondern auch kontrollieren. Sie sollen beobachten, ob Schülerinnen ein Kopftuch tragen, Gespräche mit Eltern führen und Teil eines Verfahrens werden, an dessen Ende Sanktionen gegen Familien stehen können. Damit macht die Regierung Pädagog:innen zu Vollstrecker:innen eines rassistischen und sexistischen Gesetzes. Dagegen müssen wir uns wehren. Das Kopftuchverbot richtet sich gegen muslimische Mädchen. Unter dem Vorwand der Emanzipation werden sie stigmatisiert und aus dem Schulalltag herausgegriffen. Anstatt Diskriminierung zu bekämpfen, schafft der Staat neue Diskriminierung. Bezahlen sollen dafür nicht nur die betroffenen Schülerinnen und ihre Familien, sondern auch die Lehrer:innen, die dieses Gesetz umsetzen sollen.
Unterricht benötigt Vertrauen, nicht Kontrolle
Denn Unterricht funktioniert nicht ohne Vertrauen. Jede Lehrperson weiß, dass Lernen auf einer Beziehung zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen beruht. Kinder müssen erleben, dass die Schule ein Ort ist, an dem sie ernst genommen und unterstützt werden. Wer stattdessen gezwungen wird, Schülerinnen zu überwachen und ihre Familien unter Druck zu setzen, zerstört genau dieses Vertrauensverhältnis. Deshalb ist der Widerstand gegen das Kopftuchverbot eine konkrete politische Frage. Er betrifft unseren Berufsalltag unmittelbar. Viele Kolleg:innen lassen sich verständlicherweise nicht durch allgemeine und abstrakte Appelle zur politischen Aktivität bewegen. Wenn sie aber erfahren, dass sie selbst Teil eines rassistischen Kontrollapparats werden sollen, reagieren sie anders. Dann geht es nicht mehr um eine theoretische Debatte, sondern um die konkrete Frage: Welche Schule wollen wir sein? Welche Rolle wollen wir als Lehrer:innen einnehmen?
Organisierung schafft Bewusstsein
An diesem Punkt beginnt auch die entscheidende Frage der Organisierung. Dort, wo Kolleg:innen gemeinsam Unterschriften sammeln, Erklärungen beschließen oder Proteste vorbereiten, machen sie eine wichtige Erfahrung: Wir müssen Entscheidungen von Ministerium oder Bildungsdirektion nicht einfach hinnehmen. Gemeinsam können wir Widerstand organisieren und Einfluss auf unseren Arbeitsplatz nehmen. Diese Erfahrung reicht weit über das Kopftuchverbot hinaus. Wer gemeinsam gegen rassistische Maßnahmen kämpft, entwickelt auch das Vertrauen, gemeinsam für kleinere Klassen, bessere Arbeitsbedingungen oder höhere Gehälter einzutreten. Klassenbewusstsein entsteht nicht dadurch, dass man Menschen abstrakt erklärt, sie seien Lohnabhängige. Es entsteht in gemeinsamen Kämpfen gegen konkrete Angriffe auf unseren Arbeitsalltag. Gerade deshalb ist der Kampf gegen das Kopftuchverbot kein Nebenschauplatz. Die Regierung versucht, muslimische Familien zu stigmatisieren und Lehrer:innen zu Werkzeugen dieser Politik zu machen. Sie spaltet damit Beschäftigte, Eltern und Schüler:innen, anstatt die wirklichen Probleme anzugehen: Personalmangel, überfüllte Klassen, fehlende Unterstützung und chronische Unterfinanzierung der Schulen. Wir dürfen diese Spaltung nicht akzeptieren. Unsere Aufgabe ist es nicht, Kinder zu kontrollieren oder Familien einzuschüchtern. Unsere Aufgabe ist es, Bildung zu ermöglichen und Vertrauen aufzubauen. Deshalb sagen wir klar: Lehrer:innen sind keine Vollstrecker:innen rassistischer Politik. Gegen das Kopftuchverbot braucht es Widerstand – in den Schulen, in den Gewerkschaften und auf der Straße.