Revolutionäre Scham - Zu Manon Garcias Buch "Mit Männern leben"

Von Sebastian Kugler
vorwärts 328 Sondernummer Feminismus Kunst und Kultur Feminismus Theorie

Während weltweit über die Epstein Files diskutiert wird, ist ein anderer Skandal etwas in den Hintergrund geraten: der Pelicot Prozess in Frankreich, Er zeigte auf, dass organisierte sexuelle Gewalt nicht nur von Superreichen auf Privatinseln ausgeübt wird, sondern von „ganz normalen“ Männern aus allen gesellschaftlichen Schichten in unscheinbaren Schlafzimmern. Genau diese „Banalität des Männlichen“ steht im Zentrum von Manon Garcias neuem Buch Mit Männern leben. Die Philosophin Garcia hat den Pelicot Prozess über Monate verfolgt. Ihr Buch ist jedoch weit mehr als ein Gerichtsbericht. Es verbindet persönliche Beobachtungen, philosophische Reflexion und feministische Theorie. Eine zentrale Einsicht zieht sich durch das gesamte Buch: Prozesse reichen nicht aus. Der Pelicot Prozess war öffentlich, umfassend dokumentiert und endete mit zahlreichen Verurteilungen und gerade deshalb zeigt er die Grenzen der Strafjustiz: „Kein Strafwesen wird je umfassend, mächtig und effizient genug sein, damit Männer aufhören zu vergewaltigen.“ Gerade deshalb erinnert Garcia immer wieder daran, dass Fortschritte im Kampf gegen sexualisierte Gewalt nie einfach von Gerichten oder Regierungen gewährt wurden. Sie wurden erkämpft durch feministische Bewegungen, die patriarchale Gewalt sichtbar gemacht und politisch angegriffen haben. Diese Einsicht entwickelt Garcia selbst zwar nicht zu einer notwendigen grundlegenden Kritik des bürgerlichen Staats und Rechtssvstems, doch liefert sie dafür mehr als genug Stoff.

Besonders spannend ist Garcias Interpretation von Gisele Pelicots berühmtem Slogan: „Die Scham in muss die Seite wechseln.“ Scham soll nicht nur von den Überlebenden sexueller Gewalt auf die Täter übergehen. Der Aufruf zur Scham bedeutet, „einzufordern, dass die Männlichkeit. die über alle hinweg rollt, betroffen macht.“ Scham soll uns alle, und insbesondere Männer, erfassen und dabei aber nicht lähmen, sondern betroffen machen und anspornen, gegen ein System zu kämpfen, in dem „Männlichkeitsnormen zur Strukturierung einer hierarchischen Gesellschaftsordnung beitragen.“. Das ist jene Art von Scham, von welcher der junge Marx bereits in Bezug auf die Französische Revolution sagte: „Die Scham ist eine Revolution. (...) wenn eine ganze Nation sieh wirklich schämte, so wäre sie der Löwe, der sich zum Sprunge in sich zu rückzieht.“ Wenn Garcias Buch bei seinen Leser:innen diese Reaktion auslöst, so wäre damit viel für die Organisierung dieses revolutionären Sprunges getan.