Stalinismus oder Trotzkismus? Zwei entgegengesetzte Strategien

Von Katja Straka
vorwärts 329 Theorie Geschichte der Arbeiter:innenbewegung

Milliarden Menschen leiden unter den Auswirkungen des Kapitalismus. Weltweit suchen vor allem junge Menschen nach Alternativen und setzen sich wieder verstärkt mit marxistischen Ideen auseinander. Viele engagieren sich in linken Organisationen; auch deshalb gewinnen in Österreich Organisationen wie die KPÖ an Bedeutung. Doch Marxismus ist nicht gleich Marxismus: Es gibt sehr verschiedene Vorstellungen davon, wie der Kapitalismus überwunden werden kann. Stalinismus und Trotzkismus haben die kommunistische Bewegung besonders geprägt. Ihr Gegensatz ist keine historische Namensfrage, sondern betrifft Entscheidungen, vor denen Linke bis heute stehen: Sozialismus in einem Land oder internationale Revolution? Unterordnung unter „fortschrittliche“ Teile der Bourgeoisie oder Unabhängigkeit der Arbeiter:innenklasse? Orientierung auf Mandate und Apparate oder Aufbau von Klassenkämpfen und Selbstorganisation?

Sozialismus in einem Land oder internationale Revolution?

Die Russische Revolution von 1917 brach die Macht der Kapitalist:innen und Großgrundbesitzer. Arbeiter:innen, Soldaten und Bäuer:innen schufen mit den Räten eigene Machtorgane. Den Bolschewiki war bewusst, dass in einem wirtschaftlich rückständigen und vom Krieg zerstörten Land allein kein Sozialismus aufgebaut werden konnte. Sie setzten auf die Ausbreitung der Revolution, insbesondere nach Deutschland. Doch die Revolutionen in anderen Ländern wurden geschlagen. Die Sowjetunion blieb isoliert; Bürgerkrieg, Hunger und Zusammenbruch schwächten ihre Arbeiter:innenklasse. Ein Partei- und Staatsapparat erhob sich zunehmend über die Gesellschaft. Stalin schuf diese Bürokratie nicht allein, sondern wurde zu ihrem wichtigsten Vertreter. Die ab 1924 vertretene Lehre vom „Sozialismus in einem Land“ gab ihren Interessen theoretischen Ausdruck. Die Verteidigung der sowjetischen Führung trat an die Stelle der internationalen Revolution; kommunistische Parteien wurden Moskaus Außenpolitik untergeordnet. Die Fünfjahrespläne industrialisierten das Land um den Preis brutaler Zwangsmaßnahmen. Doch Staatseigentum allein ist kein Sozialismus, wenn die Arbeitenden weder Wirtschaft noch Staat kontrollieren. Trotzki und die Linke Opposition verteidigten dagegen Internationalismus und Arbeiter:innendemokratie. Eine Revolution kann in einem Land beginnen, sich aber nur durch ihre internationale Ausbreitung behaupten. Der Kapitalismus ist ein Weltsystem; die Antwort auf ihn kann kein nationaler Sozialismus sein.

Permanente Revolution oder Etappentheorie?

Aus diesem Gegensatz folgten verschiedene Strategien für abhängige und ehemals koloniale Länder. Permanente Revolution bedeutet weder gleichzeitige Revolution überall noch das Überspringen notwendiger Aufgaben. Ihr Ausgangspunkt ist, dass die einheimische Bourgeoisie mit Imperialismus, Großgrundbesitz und Staatsapparat verflochten ist. Deshalb kann sie demokratische Rechte, Landreform und nationale Unabhängigkeit nicht konsequent verwirklichen. Diese Aufgaben können nur die Arbeiter:innenklasse und die arme Landbevölkerung lösen. Erobert die Arbeiter:innenklasse die Macht, kann sie nicht an den Grenzen des Kapitalismus stehen bleiben: Der Kampf um demokratische Forderungen geht in sozialistische Maßnahmen über und wird Teil eines internationalen Prozesses. Darin besteht der „permanente“ Charakter der Revolution. Die Etappentheorie verlangte dagegen zuerst eine bürgerlich-demokratische Entwicklungsphase. Kommunistische Parteien sollten sich dafür mit angeblich fortschrittlichen Teilen der nationalen Bourgeoisie verbünden und sozialistische Ziele zurückstellen. Das bedeutete, die Selbstständigkeit der Arbeiter:innenklasse gerade in revolutionären Situationen aufzugeben. Die Folgen zeigten sich 1925–1927 in China. Auf Druck der Kommunistischen Internationale blieb die KP der bürgerlich-nationalistischen Kuomintang untergeordnet, obwohl Streiks, Aufstände und eine Landbewegung das Land erschütterten. Im April 1927 ließ deren Führer Chiang Kai-shek die Bewegung in Shanghai zerschlagen und Tausende Kommunist:innen und Gewerkschafter:innen ermorden. Die Strategie hatte einer vermeintlich fortschrittlichen Bourgeoisie mehr vertraut als der Selbstorganisation der Arbeiter:innen und Bäuer:innen.

Volksfront oder Einheitsfront?

Darauf beruhte auch die ab 1935 verfolgte Volksfrontstrategie. Arbeiter:innenparteien sollten sich mit bürgerlichen Kräften gegen Faschismus verbünden und dafür Kämpfe begrenzen, die Eigentum oder Staat infrage stellten. Die Einheit mit Teilen der herrschenden Klasse wurde wichtiger als die Mobilisierung der Arbeiter:innenklasse. Im Spanischen Bürgerkrieg zeigte sich diese Logik deutlich. Arbeiter:innen und Bäuer:innen hatten den Militärputsch von 1936 vielerorts durch Generalstreiks, bewaffnete Milizen, Fabrikbesetzungen und Landkollektive zurückgeschlagen. Doch die moskautreue Kommunistische Partei verteidigte gemeinsam mit den bürgerlichen Republikanern den bestehenden Staatsapparat. Selbstständige Milizen, besetzte Betriebe und revolutionäre Organisationen wurden zurückgedrängt oder gewaltsam unterdrückt. Dadurch wurde genau jene gesellschaftliche Kraft geschwächt, die Franco hätte besiegen können. Eine Einheitsfront bedeutet dagegen gemeinsame Aktionen von Arbeiter:innenorganisationen für konkrete Ziele, aber bei voller Freiheit der Kritik und Propaganda. So forderte Trotzki gemeinsame Abwehraktionen von KPD und SPD gegen die Nazis, ohne seine Kritik an deren Führungen aufzugeben. Die Volksfront beschränkt die Bewegung auf das für bürgerliche Partner Akzeptable; die Einheitsfront stärkt die Aktivität der Arbeiter:innenklasse.

Mandate als Werkzeug, nicht als Ersatz

Diese Traditionen treten heute selten in reiner Form auf. Nicht jede kommunistische Partei ist stalinistisch, und Erfolge wie jene der KPÖ sind erfreulich. Doch erwachsen Mandate aus Bewegungen und stärken neue Kämpfe – oder werden Wahlen, Regierungsfähigkeit und Apparate zum eigentlichen Ziel? Revolutionär:innen lehnen Parlamente nicht ab. Aber Mandate sind kein Ersatz für gesellschaftliche Gegenmacht. Sie sollen Kämpfe sichtbar machen und Bewegungen eine Stimme geben. Der irische sozialistische Abgeordnete Joe Higgins etwa nutzte 2005 das Parlament, um die massive Ausbeutung türkischer Arbeiter des Baukonzerns GAMA öffentlich zu machen, und verband dies mit ihrer Organisierung und ihrem erfolgreichen Kampf. Nicht das Mandat setzte die Arbeiter in Bewegung; ihr Kampf gab der parlamentarischen Intervention ihre Kraft. Auch ein trotzkistisches Etikett schützt nicht automatisch vor Bürokratisierung und Anpassung. Die Degeneration des CWI muss kritisch aufgearbeitet werden. Zu seinem positiven Erbe gehört dennoch ein Umgang mit Mandaten, der diese den Bewegungen unterordnet.

Sozialismus ist Selbstbefreiung

Eine Alternative zum Kapitalismus kann nur entstehen, wenn die Arbeiter:innenklasse eigene demokratische Strukturen aufbaut: Betriebsversammlungen, gewählte Streikkomitees und verbindliche Abstimmungen. Die Berliner Krankenhausbewegung zeigte, wie Beschäftigte von Charité und Vivantes gemeinsam Verbesserungen durchsetzen konnten. In solchen Kämpfen erleben Menschen ihre gesellschaftliche Macht und verändern ihr Bewusstsein. In revolutionären Situationen können aus solchen Formen Räte entstehen, die zur Gegenmacht gegenüber dem bürgerlichen Staat werden. Sozialismus bedeutet nicht, dass ein allmächtiger Apparat im Namen der Arbeiter:innenklasse handelt, sondern dass die arbeitenden Menschen Wirtschaft und Gesellschaft selbst demokratisch organisieren. Darin liegt der entscheidende Gegensatz: Stalinistische Politik setzt auf die Führung durch einen verselbstständigten Apparat. Trotzkismus setzt auf Internationalismus, politische Unabhängigkeit und die bewusste Selbstbefreiung der Arbeiter:innenklasse.