Im Jahr 2026 wirkt die Welt für alle progressiven Kräfte ähnlich düster wie zu den Zeiten Metternichs, als Marx und Engels begannen, all den Ausgebeuteten und Geknechteten eine Stimme zu geben. Gerade in diesem Lichte sind die Werke von Marx und Engels aktueller denn je.
Dieser Tage brachte das „Vorwärts“ eine Broschüre auf den Markt, in welcher der marxistische Klassiker „Manifest der kommunistischen Partei“ neu aufgelegt und durch drei weitere Texte ergänzt wurde. In der Tat zählt dieses Werk von Marx und Engels zu den wirkmächtigsten Dokumenten der Menschheitsgeschichte. Vor knapp 140 Jahren eigentlich recht rasch zu Papier gebracht, wurde das „Manifest“ zur Grundlage aller progressiven Strömungen in der Arbeiterbewegung. Auf die in ihm geäußerten Standpunkte beriefen sich fast ein Jahrhundert lang „real existierende sozialistische“ Staaten wie die Sowjetunion und die Mitglieder des „Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe“, wie die Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien, die Sozialistische Volksrepublik Albanien, die Volksrepublik China, die Koreanische Demokratische Volksrepublik bis hin zu Staaten wie Burkina Faso, Guinea Bissau oder Grenada. Das „Manifest“ diente aber ebenso der „68er Bewegung“ als Basis, und selbst die mehr und mehr samtpfötige Sozialdemokratie kam nicht umhin, das „Manifest“ als eine ihrer ideologischen Wurzeln anzuerkennen. Mit einer Gesamtverkaufszahl (Gratisausgaben also nicht mitgerechnet) von über einer halben Milliarde Exemplare zählt das „Manifest“ neben der Bibel und dem Koran zu den drei meistverkauften Büchern der Menschheitsgeschichte, wobei es die sogenannte „Mao-Bibel“ zwar auf eine Milliarde Exemplare bringt, die aber größtenteils gratis abgegeben wurden. Doch das „Manifest“ erlebte einen merklichen Knick in seiner Verbreitung, als nach 1989 der „reale Sozialismus“ vom Antlitz der Erde verschwand. Selbst in jenen „sozialistischen“ Staaten, die sich heute noch offiziell auf Marx und Engels berufen (wie etwa China oder Nordkorea) spielt es praktisch keine Rolle mehr. Dies vor allem auch deshalb, weil das „Manifest“ vielerorts mehr als historisches Artefakt und nicht länger als Handlungsanleitung verstanden wird.
Ein Manifest für die Gegenwart
Will man aber der geschichtlichen Bedeutung des Manifests gerecht werden, so muss man seinen Inhalt neu denken, ihn in unsere Zeit überführen, die zentralen Passagen des Werks quasi fortschreiben. An dieser Stelle seien daher ein paar Gedanken in den Raum gestellt, auf deren Basis die Linke ihre konkreten Standpunkte für die aktuellen Klassenkämpfe entwickeln müsste. Damals wie heute ist es richtig, dass die Epoche der Bourgeoisie die Klassengegensätze vereinfacht hat (S. 18 der vorliegenden Ausgabe), dass sich unsere Gesellschaft in zwei große, einander direkt gegenüberstehende Klassen spaltet: die Bourgeoisie und das Proletariat. Ebenso nach wie vor gültig die Erkenntnis (S. 23), dass die Bourgeoisie massenhaftere und kolossalere Produktivkräfte geschaffen hat als alle vergangenen Generationen zusammen. In der Tat unterwarf der Kapitalismus den gesamten Planeten seiner Herrschaft. Er schuf laufend neue Maschinerie, machte Brachland urbar, wo es ihm dienlich war, verwandelte blühende Landschaften wiederum in Brachland, wenn diese Vorgangsweise Profit einbrachte. Marx und Engels erkennen an, dass dem Kapitalismus eine ungeheure innovative Kraft innewohnt, mit der es ihm gelingt, beständig neue Formen der Ausbeutung von Mensch und Natur zu finden, die sie seinen Profit weiter maximieren und die reichen Ausbeuter noch reicher werden lassen. Ein Vorgang, der naturgemäß ausschließlich zu Lasten des Proletariats geht. Das Proletariat – worunter bekanntlich alle Menschen zu verstehen sind, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, um (über)leben zu können – macht schon zu Marxens Zeiten mehrere Wandlungen durch, da die kapitalistische Produktionsweise sich mehr und mehr technisierte und verfeinerte. „Auf dieser Stufe bilden die Arbeiter eine über das ganze Land zerstreute und durch die Konkurrenz zersplitterte Masse“ (S. 27). Marx und Engels konstatierten das für ihre Zeit richtige Faktum, dass der damalige Kapitalismus das Proletariat in größeren Massen zusammendrängte (ebenda), das zigtausende Werktätige in einer einzigen riesigen Fabrik zusammengepfercht waren, wodurch ihre Kraft, sich zu vereinigen und gegen den Kapitalismus anzukämpfen, wuchs. Aus damaliger Sicht schien es also keineswegs zu optimistisch, aus den sozioökonomischen Bedingungen abzuleiten, die Bourgeoisie erschaffe im Proletariat ihren eigenen Totengräber (S. 32), da die Grundbedingung des Kapitalismus die Lohnarbeit darstellte. Doch anscheinend haben die Kapitalisten das Manifest auch gelesen, ja, es sogar regelrecht studiert. Sie haben nämlich erkannt, dass die zu Anfang des Kapitalismus bestehende Vereinzelung der Proletarier (etwa die Heimarbeit), das Proletariat durch diese Zersplitterung nachhaltig schwächt und seinen Widerstand gegen die allgemeine Ausbeutung substantiell unterminiert. Und so erscheint es nicht verwunderlich, dass wir uns heute (wieder) in einer ähnlichen Situation befinden. Das Gros der Menschen ist für sich allein ins kapitalistische Hamsterrad geworfen, dünkt sich wehr- und hilflos den Unbilden des mörderischen Kapitalismus ausgeliefert. Die freie Assoziation der Werktätigen ist erfolgreich torpediert worden durch vollkommen neue Produktionsformen, in denen die klassische Lohnarbeit immer weniger Bedeutung besitzt, da viele Prozesse automatisiert und maschinell bewerkstelligt werden können. Denn was Generationen von MarxistInnen, vielleicht unbewusst, übersehen haben, ist, dass die Innovationskraft des Kapitalismus nicht zur Zeit von Marx und Engels erstarrte. Die Bourgeoisie hat nämlich die revolutionäre Rolle, die ihr in der Entwicklung der Geschichte zukam, zu keiner Zeit abgelegt. Sie hat erkannt, dass sie, will sie nicht wie die Klasse der Sklavenhalter oder der Feudalherren untergehen, ihre ökonomischen Möglichkeiten weiter ausreizen muss. Und so ist auch die jüngere Vergangenheit geprägt durch laufend neue Innovationen, mit denen die Bourgeoisie ihre Herrschaft weiter festigt. Sie nutzt die Globalisierung, um jene Produktion, für die noch der Einsatz von Werktätigen notwendig ist, dorthin auszulagern, wo die Arbeitenden durch ihre allgemeine Lage wenig Klassenbewusstsein entwickeln können, wo allfälliger Widerstand schnell gebrochen werden kann. Sie setzt laufend neue technologische Errungenschaften ein, die es ermöglichen, die Arbeit tausender Menschen durch Computer und Roboter zu ersetzen. Diejenigen, die dann noch Arbeit haben, leben in der beständigen Furcht, diese magere Lebensgrundlage auch noch zu verlieren, jene Werktätigen, die durch diese Entwicklung auf den Status des Lumpenproletariats herabgesunken sind, verlieren durch diesen Umstand jedwede Kampfbereitschaft und schwächen das Proletariat ungewollt noch mehr. Die Kapitalisten haben sich die alte römische Maxime „Teile und herrsche“ zunutze gemacht und ihre Dominanz zumindest für unsere Tage abgesichert.
Was es braucht
In den Tagen von Marx und Engels hätte wohl kaum jemand vorausgesehen, dass die Werktätigen ein Faktor werden, der an der Herrschaft der Bourgeoisie erfolgreich zu rütteln vermag. Es mangelte nicht an Experimenten, tatsächlich den Kapitalismus zu überwinden und den Sozialismus aufzurichten. Doch mit dem Sozialismus ist es letztlich wie mit dem Kapitalismus selbst. Auch der Kapitalismus brauchte Jahrhunderte, um sich flächendeckend durchzusetzen. Von seinen ersten Versuchen in diversen italienischen Stadtstaaten des 13. Jahrhunderts bis zu seiner Weltherrschaft unserer Tage war es ein wahrlich weiter Weg. Und die Entwicklungen der letzten 100 Jahre lehren uns, dass die Geschichte keine Abkürzungen kennt. 1859 erkannte Marx in seinem Werk „Kritik der politischen Ökonomie“: „Eine Gesellschaftsformation geht nie unter, bevor alle Produktivkräfte entwickelt sind, für die sie weit genug ist, und neue höhere Produktionsverhältnisse treten nie an die Stelle, bevor die materiellen Existenzbedingungen derselben im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden sind.“ Der Kapitalismus beweist uns tagtäglich, dass er in der Lage ist, sich beständig weiter zu entwickeln. Marx stellte aber schon 1844 in seiner Schrift „Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ richtig fest: „die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“ Daran muss die Linke arbeiten. Es braucht ein neues Manifest, das die Entwicklungen der letzten 180 Jahre analysiert, die daraus abzuleitenden Schlussfolgerungen zieht, diese sodann in politische Forderungen gießt, die es zu propagieren gilt. Die Idee des Sozialismus ist nicht nur richtig, sie ist wichtiger denn je, wenn die Menschheit nicht in einem immer zügelloser und verderblicher werdenden Kapitalismus untergehen soll. Und so, wie sich der Kapitalismus laufend den sich ändernden Bedingungen anpasste, muss auch die Bewegung der Werktätigen neue Formen des Kampfes finden, die den Erfordernissen der Zeit entsprechen. Das wird ein schwieriger und langwieriger Prozess sein. Der damit beginnt, sich darüber klar zu werden, wer wir sind und was wir wollen. Denn eines hat sich seit 180 Jahren nicht geändert: Die Proletarier haben in einer kommunistischen Revolution nichts zu verlieren als ihre Ketten. „Sie haben eine Welt zu gewinnen“. Heute mehr denn je.